Start Berichte und Bilder ..I have a dream, Ötztaler Radmarathon 2014
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Montag, den 01. September 2014 um 19:14 Uhr

Emanuel Emberger und Christian Repaski haben sich im Winter 2013/14 dazu entschlossen,

Ihr Glück bei der Anmeldung zum Ötztaler Radmarathon zu versuchen.

Ein etwas ausführlicher Bericht von Christian.

 

Glück deshalb weil sich jährlich mehrere Tausend anmelden aber nur 4.600 per Losglück teilnehmen können. Da wir beide immer brav waren und noch immer sind :-), hatten
wir natürlich das Glück und ergatterten einen Startplatz.
Der Ötztaler ist quasi unter den Rennradfahrern im Alpenraum das was für andere eine Reise nach Mekka ist oder so :-). Dem Slogan der Veranstaltung, "Ich habe einen Traum...", den Traum ins Ziel zu , wollen sich jährlich weit mehr als 10.000 (Hobby)Sportler erfüllen jedoch wie gesagt nur 4.600 haben die Chance sich diesen Traum zu erfüllen. Am Ende standen dann 4104 StarterInnen am Start, einige haben es sich wohl aufgrund der Wettervorhersagen noch anders überlegt.
Apropos Hobbysportler, wenn man die Siegerzeit von 07:05:12, die Durchschnittszeit von 10:30 und die Zeit des letzten Teilnehmers mit 13:33:37 ansieht, dann sieht man wie breit hier das Feld ist. Und die wahren Helden sind definitiv die Letzt genannten und diese werden beim Ötztaler auch richtig gefeiert.
Es galt also ab dem Start um 06:45 in Sölden die 238km lange und über 5.500 Hm führende Asphaltstrecke über das Kühtai, Brenner, Jaufenpass und Timmelsjoch zu überwinden.

Bevor wir aber zum Verlauf des Bewerbs kommen noch ein paar Worte zu den Wochen/Tagen zuvor :-)
Also man informiert sich ja lange vorher über das Internet wie denn die Strecke so verläuft, ob man Erfahrungsberichte findet, redet mit Bekannten die schon mal beim Ötztaler dabei waren, sucht nach Trainingsplänen usw. Am Ende ist man vor lauter unterschiedlichen Ratschlägen (Lange Einheiten sind wichtig, Nein nur Bergfahren ist wichtig, mach dies und mach das,..) zugegeben etwas verwirrt und legt sich seine eigene Strategie zur Vorbereitung zurecht. So nebenbei liest man dann dass einige 10.000 und mehr Trainingskilometer absolviert haben und wenn man dann seine eigenen Trainingsdaten summiert kommt man über die 4.500 km nicht hinaus und fragt sich ob das wohl gut geht :-).
Aber wir Innergebirgler waren ja immer schon hart im nehmen und in der Gruppe (es sind ja noch 3.999 andere am Start) geht es ja ohnehin viel leichter. Am Ende kann ich nur sagen, eine Streckenbesichtigung im Vorfeld ist immer gut und vor allem bei den Anstiegen hilft es, wenn man diese schon einmal vorher gefahren ist.

Die letzten Tage vor dem Bewerb wird man zum Tester der unterschiedlichen Wetter-Apps und sucht sich immer jene aus welche das vermeintlich beste Wetter vorhersagt. Kaum zu glauben wie unterschiedlich tatschlich die Prognosen sind.
Apropos Wetter, der Rennradler möchte ja perse mit so wenig Gebäck als notwendig fahren und Rucksack ist bei Mehrtagestouren zwar OK aber bei einem Rennen dann doch nicht so ideal. Also gilt es aus dem Sportbekleidungsfundus alles hervorzuholen und mal zu sortieren:
Kurze Sachen, Lange Sachen, Was für Regen, Was für Kalt, Handschuhe,..
Lieber mal alles mitnehmen und vor Ort dann in letzter Minute entscheiden was man tatsächlich anzieht.
Das Wetter übrigens war dann doch besser als vorhergesagt. Bis zum Timmelsjoch (letzter Anstieg) war es durchwegs trocken, dann aber begann es erst leicht und am Gipfel dann stark zu regnen, was durch die zusätzlichen kalten Temperaturen bei einigen zu zittrigen Lenkern bei der Abfahrt führte.

So jetzt aber zum Bewerb selber. Oder halt, da war ja noch am Vortag die Startnummernabholung und das Race-Briefing. Übrigens sowohl am Vorabend als auch bei der Siegerehrung war die riesen große Sporthalle wirklich gerammelt voll, das kenne ich aus Triathlon oder Laufbewerben so nicht.
Heuer erstmalig gab es auch ein Hinterlegungsservice, d.h. man konnte sich bei den 4 markanten Stellen (Kühtai, Brenner, Jaufenpass, Timmelsjoch) in einem bunten Beutel Kleidung zum Wechseln, Nahrung oder was man immer auch brauchte (außer Flüssigkeiten) dort hinterlegen lassen. Das machte natürlich die Kleiderwahl noch mal komplizierter, denn es ging jetzt nicht nur darum mit was man startet, sondern auch was von den restlichen Sachen teilt man angesichts der doch schlechten Wetterprognose nun in welchen Sack auf.

Am Sonntag Früh war dann um 05:00 Tagwache und es galt trotz Nervosität zu versuchen doch etwas Nahrung beim Frühstückstisch zu sich zu nehmen. Danach noch kurz der letzte Check bei den Rädern (Luft, Kette schmieren) und um 06:30 dann ab zum Start. Nachdem wir so ziemlich die letzten waren (die ersten standen seit 05:15 in der Startreihe) waren mussten wir uns natürlich auch ganz hinten anstellen :-)
Die erste Startreihe startete um 06:45 etwa 15min später bewegte sich dann der restliche Pulk an der Startlinie vorbei und der Arbeitstag eines Hobbyradlers begann.
Die Fahrt von Sölden nach Ötz war noch eher locker, obwohl einige hier schon kurbelten als wäre in Ötz das Ziel, und es galt immer auf Sicht zu fahren und die Vordermänner im Auge zu halten, nicht das einer plötzlich bremst, stürzt oder sonst irgendwie zu einem Hindernis wird. In Ötz plötzlich große Verwunderung, warum bleiben jetzt so viele (wirklich viele) plötzlich neben der Straße stehen, haben die alle einen Defekt ?, ist die Straße gesperrt ?. Nein Irrtum, die wechseln alle Ihre Klamotten. Ja es geht jetzt bergauf ins Kühtai und da braucht man keine warmen Handschuhe, lange Hosen, Jacken usw. mehr. Also dachte ich gute Idee und entledigte mich auch so einiger vor Kälte schützender Kleidung. Die Trikottaschen waren zwar danach bis zum Platzen ausgebeult, aber es war so viel angenehmer zu fahren.
Also bergwärts nach Kühtai bis zur ersten Labestation. Ja nicht zu schnell, denn es ist nicht der einzige Berg der heute noch bezwungen werden will. Unter den Fahrern wird noch eifrig geredet und die Atemgeräusche sind noch kaum zu hören. Das wird sich aber spätestens beim Jaufenpass stark verändern und am Timmelsjoch seinen Höhepunkt erleben.
Also oben angekommen in Kühtai galt es die Labestation kurz aufzusuchen, etwas warmes (Suppe) zu sich zu nehmen, die Trinkflaschen aufzufüllen und ja genau sein Sackerl, oder wie die zahlreichen deutschen Nachbarn es nannten "Tüte" aufzusuchen. Aber wo, wo sind die Sackerl ? Bin ich etwa vorbeigefahren ? Sch.. da sind meine langen Handschuhe, ein trockenes Stirnband und Gels drinnen und es zieht Regen auf. Also geht man entlang der Labestation (gehen deshal, weil Sie erstens lange ist und weil alles von Radfahrern verstellt sodass man quasi keinen Durchblick zur Labestation mehr hat. Am Ender der Labstation angekommen war Sie dann, die 1. "Ötzi-Wechselzone". Da ich in der Wechseldisziplin im Triathlon auch schon so einige Zeit liegen gelassen habe (Ironman 70.3 Zell über 5min :-)) setzte ich diese Tradition auch hier fort. Bis man also sein Sackerl hat (man ruft einer der 3 Sackerlbetreuer-Damen laut seine Nummer und wartet bis diese das richtige Sackerl bringt) und sich der zu wechselnden Kleidung entledigt und die trockene angezogen hat, vergehen schon einige Minuten. Aber was soll‘s eine Pause ist immer willkommen und es liegen ja noch viele Kilometer vor einen.

Bei der Abfahrt vom Kühtai gab es dann die ersten Blaulicht-Einsätze, einige Fahrer kamen aufgrund freilaufendem Weidevieh oder Pferden zu Sturz. Übrigens hier sieht man wie wichtig das Race-Briefing ist, denn es wurde ausdrücklich inkl. Videobeweise darauf hingewiesen dass man unterwegs Kontakt mit freilaufenden Tieren haben wird und man trotz Straßensperre (der gesamte Streckenverlauf war für den Verkehr gesperrt) immer auf Sicht fahren sollte. Wenn dann plötzlich hinter einer Kurve ein Tier steht, dann kann es durchaus schmerzlich werden.
Solche Szenen rütteln einen dann aber immer wach und rücken wieder in den Vordergrund dass es hier um nicht's geht, man fährt weder um den Sieg mit noch muss man jemanden etwas beweisen, also einen Gang runterschalten bzw. vorsichtiger fahren. Übrigens die schnellsten fahren bei den Abfahrten tlw. 100km/H.
Nach der Abfahrt vom Kühtai geht‘s kurz am Rand von Innsbruck vorbei bevor es zum Brenner geht. Hier wird trotz steigendem Straßenverlauf wieder Tempo gemacht. Es wird taktiert, gekreiselt und im Pulk gefahren um sich zwischendurch wieder mal kurz auszurasten. Am Brenner angekommen wieder das gleiche Spiel in der Wechselzone wie in Kühtai. Nach kurzer bergab Passage galt es dann die nächsten 1130 Hm auf einer Strecke von 15,5km zu bezwingen (Kühtai=1200 Hm, Brenner=770 Hm). Natürlich auch hier wieder das selbe Gruppen-Umziehen wie vor dem Kühtai obwohl man sich angesichts der vielen Kleidungsstücke (Handschuhe, Hauben, Stirnbänder, Jacken, Hosen, Brillen,..) die unterwegs so auf der Strecke lagen fragen konnte wer hat denn überhaupt noch was zum umziehen ? Nein im Ernst tlw. überlegte ich ob ich stehenbleiben und aufsammeln sollte, denn es waren tlw. wirklich teure Sachen, aber halt oft nur ein Teil von 2 und daher hat sich das Stehenbleiben nicht gelohnt. Außerdem lohnt sich ein, durch abruptes Abbremsen verursachter Auffahrunfall in der Gruppe wohl kaum :-).
Eines viel einem bei der Auffahrt zum Jaufenpass jedoch auf, es war ruhig. Man hörte außer dem leisen surren der Kette, gut manche Ketten hätten etwas Öl vertragen und waren etwas lauter, einigen Knackgeräuschen von Tretlagern bzw. Klickpedalen absolut nichts mehr. Es wurde nichts mehr geredet, die Atmung wurde lauter. Man fühlte förmlich die Gedanken der Fahrer/Innen und jeder wusste dass man sich seine Kräfte spätestens jetzt gut einteilen muss, damit am Ende der Traum in Erfüllung geht. Labe und Wechseln am Jaufen wie gehabt. Juhu jetzt geht's bergab und dann noch 29km rauf zum Timmelsjoch und schwup-diwup ist das Ziel schon ganz nah. Denkste, die 29km aufs Timmelsjoch, immerhin hat man ja schon 183km in den Beinen, und die noch zu überwindenden 1750 Hm haben es wirklich in sich. Und spätestens jetzt wäre eine vorherige Besichtigung nicht schlecht gewesen. Man weiß zwar es geht bergauf, aber man sieht aufgrund des aufziehenden Nebels nicht weit nach oben und hat daher keine Ahnung wie lange noch. Klar hat man einen Kilometerzähler, aber der scheint wie stehengeblieben denn nach gefühlten 5km hat sich der Zähler erst um einen erhöht. Also eine Kehre nach der anderen im Wechsel zwischen Sitzen und Wiegetritt nach oben kämpfen und wenn dann zwischendurch doch der Nebel wieder einige Passagen der Straße freigibt bloß nicht nach oben sehen, denn es ist noch weit. Also immer Blick nach vorne. Da kann einem so manche "schöne Aussicht" einer vor einem fahrenden weiblichen Teilnehmerin auch nicht mehr wirklich motivieren, jetzt gilt es nur noch stur zu treten.
Plötzlich ist es da, das Schild "Letzte Labestation" und man denkt sich, "Yes!" gleich ist es geschafft, gleich ist der Gipfel in Sicht. Aber ein Blick auf das Höhenprofil zeigt dass es danach noch  250 Hm zu überwinden gibt, also besser nochmal etwas Suppe und salziges zu sich nehmen und nochmal Kraft vor den letzten Höhenmetern tanken. Man sieht dann plötzlich wieder den weiteren Verlauf der Straße und weit ober kleine bunte Punkte die sich bewegen und denkt sich "Na servas, guat das boid vorbei is". Also wieder Rauf aufs Rad und weiter geht's. Als dann plötzlich der Tunnel vor einem ist und viele Teilnehmer ein lautes Juhu von sich geben weiß man, das gröbste ist wohl geschafft.
Aufgrund des Regens kurz im Tunnel stehenbleiben sich für die Abfahrt umziehen (Regenjacke, lange Handschuhe) und voller Freude und dem Ziel vor Augen ist plötzlich wieder Kraft da und es geht wieder flott weiter. Emotionen kommen hoch und man ist stolz auf das bisher geleistete. Nach einer kurzen Abfahrt gilt es nochmals 250 Hm zu überwinden, die aber angesichts des nahenden Ziels locker von den Beinen gehen und danach im wirklich strömenden Regen und wenig Sicht dafür aber mit einem riesen Rucksack voller Dopamin (Glücksgefühle) ab ins Tal. Erste Kurve, Oh, Oh, Oh, es wird nur sehr verzögert langsamer, jetzt bloß nichts mehr riskieren und heil ins Ziel kommen. Wieder vorbei an Blaulicht und an einem am Boden liegenden und in Wärmedecken eingewickelten Verletzten dessen Rad nur mehr aus Einzelteilen bestand welche sich entlang einer Mauer in der Kurve verteilt hatten, waren Sie wieder da die Warnschilder "Es geht um nicht's, jetzt so kurz vor dem Ziel keinen Sturz mehr riskieren und die Sache gesund zu Ende fahren" Dieses Wechselspiel aus Emotionen, Kälte, Nässe, Gedanken über den soeben passierten Verletzten begleiten mich dann bis ins Ziel und nach 11:04:43 war dann mein bisher längster aber sicher schönster und emotionalster Bewerb zu Ende.
Eines ist sicher, ich komme wieder und wer das Glück hat einen der begehrten Startplätze zu erhalten kann sich auf einen super organisierten und lange in Erinnerung bleibenden Bewerb freuen.

Übrigens am nächsten Tag lag dann Schnee auf dem Gipfel und das Wetter war wirklich „grausig nass, sehr windig und kalt“ Also es hätte am Vortag auch schlimmer kommen können :-)

 

 

weitere Bilder und Detailergebnisse findet Ihr hier:

http://www.oetztaler-radmarathon.com/de

 

Höhenprofil